Argentinien – Chile Fiambala – Paso de San Francisco – Copiapo – Antofagasta – San Pedro de Atacama – Calama – Richtung Bolivien

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegen unzählige Plastikflaschen, die mit Wasser gefüllt sind. Wir halten diesmal an, da uns solche Ansammlungen schon öfters aufgefallen sind und sie aber bisher als Müllberge gehalten haben. Nach genauerem Hinsehen bemerken wir hinter den Flaschen einen kleinen Altar auf welchem eine Gipsfigur in Form einer auf dem Rücken liegenden Frau samt Säugling an ihrer Brust darstellt. Wir können uns keinen Reim daraus machen und erkundigen uns bei Jorge, einem Kioskbudenbesitzer im nächsten Dorf. Er erzählt uns die Geschichte von Deolinda Correa, die sich 1841 ereignet hat. Deolinda Correa war eine mutige Frau die sich im hochschwangerem Zustand ohne Wasser und Proviant in die Wüste begab auf der Suche nach ihrem Mann den sie aus der Armee befreien wollte. Sie gebar unterwegs und starb den Tod des verdurstens. Aber das Kind lebte, trotz allem weiter da ihre Brüste noch Milch gaben. Auf den Rücken liegend, eine Brust entblößt, auf ihrem Bauch der Säugling, so fanden Gauchos sie und retteten das Kind. Alle Jahre zum Osterwochenende pilgern über 50 000 Gläubige an die Stelle wo man sie gefunden hat. Die Difunta (span.= Verstorbene) Correa ist in Argentinien eine Volksheilige, auch wenn die Kirche sie nicht als solche anerkennt. Wer an sie glaubt – denen hilft sie in allen Lebenslagen und schon viele Wunder hat sie vollbracht. Es gibt unendlich viele Geschichten von den Wundern, die sie vollbracht hat.

... einer von tausenden Difunta Correa-Altäre am Straßenrand

... einer von tausenden Difunta Correa-Altäre am Straßenrand

Sie ist auch die Schutzheilige der Fernfahrer. Von Feuerland bis zur bolivianischen Grenze hoch kann man zu tausenden ihrer Altarverehrungen an den Straßenrändern finden. Irgendwann haben Leute angefangen Wasser zurückzulassen, damit kein Reisender verdursten sollte, so wie die Difunta. Früher war das Wasser zum Trinken da. Heute bleiben die Flaschen liegen, bis sie jemand wegräumt. Auch wir genehmigen uns noch ein kühlen Trink bei Jorge bevor wir an diesem heißen Tag wieder das „Asphaltflimmern“ vor unsern Augen haben. Wir sind wieder auf der Cuarenta unterwegs. Der bröckelnde Teerbelag verschmilzt langsam mit der roten Erdstraße. Es geht durch phantastisch karge Öde mit tausenden von Kandelaberkakteen. Im Rückspiegel sehen wir unsere Staubfahnen hoch wirbeln. Wir sehnten uns zwar nach sonnigem warmen Wetter aber mit so einer gnadenlosen Hitze hatten wir nicht gerechnet. Das Valle de la Luna und die berühmte Talampaya-Schlucht, wo Klapper- und Korallenschlangen zu Hause sind, lassen wir aus, denn was wir in den letzten Tagen an Naturschönheit erleben durften, kann man kaum noch überbieten. Dies müssen wir erst mal verarbeiten. Wir fahren weiter durch Kakteenland über die Schluchtenstraße der Cuesta de Miranda mit seinen 800 Kurven und erreichen am Abend Chilecito wo wir im Nachbarort Santa Florentina auf einem trostlosen heruntergekommenen Campingplatz übernachten.

... Cuesta de Miranda, Kandelaberkakteen so hoch wie Häuser

... Cuesta de Miranda, Kandelaberkakteen so hoch wie Häuser

Neuer Tag, neues Glück. Was würde zu einem heißen Tag besser als Tagesziel passen als die heißen Thermen von Fiambala. Wir machen uns auf den Weg zu den 260 Kilometer entfernten Naturtermen. Ca. 15 Kilometer östlich von Fiambala liegen in einer Schlucht auf 1800 m Meereshöhe 12 Badebecken die unter schattigen alten Bäumen terrassenförmig angelegt sind. Im obersten Becken kommt das Wasser mit 44°C aus dem Berg. Wenn die Becken voll sind, fließt das Wasser über einen kleinen Wasserfall in das jeweils darunter liegende Becken. Jedes weitere Becken hat dadurch eine um ca. 1 Grad niedrigere Wassertemperatur. Es wird dunkel und die meisten Tagesgäste haben ihre Heimreise bereits angetreten. Nur wenige badefreudige verbringen die Nacht hier oben an den Thermen. Wir lernen zwei Hamburger kennen mit denen wir uns bis 1:00 Uhr morgens in dem warmen Becken unter einem wunderschönen Sternenhimmel unterhalten. Am Morgen werden wir durch Baulärm geweckt. Der Parkplatz auf dem wir die Nacht verbracht haben wird zur Baustelle. Ohne Frühstück flüchten wir ins Tal. Kurzfristig beschließen wir, heute unsere zweite Andenüberquerung über den San Francisco Pass zurück nach Chile durchzuführen. Diesmal haben wir uns besser akklimatisiert und hoffen, dass das wir dadurch die Überquerung ohne gesundheitliche Probleme meistern. Die Passhöhe liegt auf 4748 m über dem Meeresspiegel. Wir tanken nochmal voll, denn die nächste Tankstelle von hier aus wird erst wieder im 580 Kilometer entfernten chilenischen Copiapo sein.Wir fahren – im warsten Sinne des Wortes – durch eine atemberaubend schöne Landschaft.

... San Francisco-Paß auf der argentinischer Seite

... San Francisco-Paß auf der argentinischer Seite

Der San Francisco-Paß ist ein sehr farbiger Pass, alle paar Kilometer wechselt das Gestein der umliegenden Berge seine Farben. Die einzigen Tiere welche wir hier oben noch zu Gesicht bekommen sind ein paar wilde Esel. Auf der argentinischen Seite ist die Straße bis zur Passhöhe durchgehend geteert. Mit zunehmender Höhe wird die Luft natürlich immer dünner. Michaela hat kurzfristig mal Herzrasen. Das ist ein eindeutiges Symptom der Puna (Höhenkrankheit). Nach ein paar Minuten ist es wieder vorbei. Ansonsten haben wir keine Probleme mehr. Alle 10 Kilometer stehen kleine Schutzhütten mit Sauerstoffflaschen und Erste Hilfe-Ausrüstung für Notfälle bereit.

... San Francisco Pass, wie aus einer anderen Welt

... San Francisco Pass, wie aus einer anderen Welt

Die argentinische Grenzabfertigung erfolgt kurz vor der Passhöhe. Die beiden Hamburger, die wir gestern in der Therme kennen lernten, kommen uns entgegen. Sie starteten heute schon sehr früh und wollten lediglich bis zur Passhöhe fahren, um sich abends dann wieder in den Thermen auszuruhen. Nur noch wenige Kilometer und wir sind am Pass angekommen auf 4748 m, der zugleich die Grenze zwischen Argentinien und Chile markiert. Auf chilenischem Gebiet geht es weiter auf Schotterpisten über eine weite Hochebene die auf über 4500 m liegt.
Im wahrsten Sinne des Wortes, wir fahren durch eine „atemberaubende“ Berglandschaft. An einer Lagune entdecken wir zwei Naturthermen und halten kurz unsere Füße ins badewannenwarme Wasser. Danach geht es Stunden weiter quer über die einsame Hochebene.

...Maler Natur,einsame und traumhaft schöne Hochebene am San Francisco-Paß, auf chilenischer Seite

...Maler Natur,einsame und traumhaft schöne Hochebene am San Francisco-Paß, auf chilenischer Seite

Ringsum ragen die Berge majestätisch in den Himmel. Alle Gipfel sind über 6000 Meter hoch. Wir kommen am Salzsee Maricunga vorbei wo unweit die chilenische Grenzstation steht. Zwei junge gelangweilte Grenzbeamte fertigen uns ab. Michaela hat wieder mal all unser Gemüse und Obst super versteckt – dachten wir! Die üblichen Fragen:“ Haben sie Milchprodukte, Fleisch, Obst oder Gemüse dabei“. Im selben Moment als Michaela selbstbewusst sagt „Natürlich nicht“, öffnet einer der Grenzer den Geschirrschrank und eine Tomate kommt ihm entgegengekullert. Er nimmt es mit Humor und wir müssen alle vier hellauf lachen. Die Tomaten werden trotzdem beschlagnahmt. Bevor wir wieder weiterfahren, vergnügen wir uns zusammen mit den Grenzern noch bei einer Tüte Haribo Goldbärchen, die wir in einen Supermark in La Serenas entdeckten und hier seltenheitswert hat. Es geht weiter. Nun kommen wir endlich von der Höhe runter und es geht stetig bergab die ganzen 180 Kilometer bis Copiapo. Kurz vor Copiapo ist die Region wieder besiedelt. Außer einigen Minen gibt es da oben nichts. Es ist bereits finster und deshalb übernachten wir an einer Esso-Tankstelle. Am nächsten Morgen geht es weiter auf der Panamericana in Richtung Norden. Wir befinden uns bereits in den südlichen Ausläufern der Atacama, eine der heißesten und trockensten Wüste auf diesem Planeten. In manchen Gegenden hat es hier schon seit über einhundert Jahre nicht mehr geregnet. Bei Chanaral machen wir noch mal einen Abstecher ans Meer wo sich der kleine Nationalpark „Pan de Azucar“ befindet, was soviel wie Zuckerhut heißt.

... Nachtlager im Nationalpark „Pan de Azucar“

... Nachtlager im Nationalpark „Pan de Azucar“

Die Besonderheit dieses Nationalparks sind die Kakteen, von denen zwanzig verschiedene Arten seiner Spezies nur hier wachsen. Die zweite Besonderheit – zumindest für uns – : Ingo, Joli und Reni, stehen mit ihrem Fahrzeug am Strand. Wie klein ist doch die Welt. Den Abend verbringen wir gemeinsam bevor wir am nächsten Morgen auf die Panamericana zurückkehren. Das Schweizer Trio bleibt noch einen Tag im Nationalpark.

... vom „Pan de Azucar“ zur Panamericana zurück

... vom „Pan de Azucar“ zur Panamericana zurück

Fast 1000 Kilometer durchzieht die Panamericana die Atacama-Wüste. Es ist Sonntag, nur vereinzelt kommen uns Fahrzeuge entgegen. Meist sind es LKW´s auf der Rückfahrt, die Güter in den dünn besiedelten Nordens Chile liefern. Soweit das Auge reicht, Wüste bis zum Horizont in den verschiedensten Brauntönen . Wir sehen eine größere Stadt in der Ferne, es muss Antofagasta sein. Eine der wenigen großen Städte im Norden. Als wir näher kommen sehen wir nur kniehohe Sträucher. Es ist eine Fata Morgana. Durch das Flimmern der Hitze wurden wir getäuscht. Am Spätnachmittag, endlich eine kühle Brise vom Meer . Nun können wir aber wirklich nicht mehr weit von Antofagasta entfernt sein.

... Sandskulptur bei Antofagasta

... Sandskulptur bei Antofagasta

Die 300 000 Einwohnerstadt ist auf einen Streifen von 15 Kilometer Länge terrassenförmig zwischen Meer und der Küstenkordillere eingebetet. Seit der Kupferpreis am Weltmarkt gestiegen ist, boomt die Wüstenstadt am Rande der Atacama. Minen wurden im Hinterland wieder geöffnet und von Antofagasta aus werden die wertvollen Metallplatten in die ganze Welt verschifft. Es geht weiter an der Küste bis Tocopilla bevor wir über Calama in das Wüstendorf San Pedro de Atacama fahren. Wir haben noch 200 Kilometer vor uns. Unterwegs nehmen wir Roman mit, der mit seinen defekten Pkw am Straßenrand steht. Kurze Zeit später stehen wir selbst an einer Steigung. Die Temperatur des Kühlwasser ist gestiegen. Dies ist uns unerklärlich. Beide Lüfter arbeiten, es ist genügend Kühlwasser im Kühler. Sollte es die dünne Luft und die Steigung sein, den wir sind bereits auf 3000 Meter über Meereshöhe. Wir warten bis das Wasser wieder abgekühlt ist und es geht weiter, Gott sei Dank bergab und ohne Probleme. Während der Fahrt erzählt uns Roman, das er in Chuquicamata, in der weltgrößten Kupfertagebaumine arbeitet die wir in wenigen Minuten passieren werden. In Calama lassen wir ihn raus. Er gibt uns seine Telefonnummer und lädt uns bei sich zu Hause ein. Mehr davon später. Kurz vor San Pedro stehen wir auf einer Anhöhe und sehen runter ins Tal bis zum Salar de Atacama (Salzsee) im Süden. Wir sehen nur eine grüne Oase von Bäumen und Sträuchern, keine Häuser nichts. Das besondere an dem Oasendorf ist die jahrhundert alte Flachbauweise der Häuser die meist aus getrockneten Lehmziegeln und Kaktusholz gebaut sind. Keines der Häuser verfügt über ein weiteres Stockwerk (bis auf das Polizeigebäude) und somit sind die Bäume höher und der Ort wirkt von der Ferne unsichtbar.

... kurz vor San Pedro de Atacama

... kurz vor San Pedro de Atacama

Vor 16 Jahren war ich schon einmal hier und ich hatte die Befürchtung der Ort hat sich auf Grund des zunehmenden Tourismus stark verändert. Baulich kann ich nun sagen hat sich nicht viel verändert und der Ort hat seinen Flair behalten. Der Tourismus hat natürlich erheblich zugenommen und somit sind aus vielen Wohnhäusern Souvenierläden, Reisebüros oder Restaurants geworden. Trotz allem hat es immer noch seinen Reiz, wenn man abends durch die engen Gässchen mit den weißgekalkten und lehmfarbenen Häusern schlendert. Zu den wenigen Sehenswürdigkeiten im Ort gehört die schlichte Dorfkirche „ Iglesia de San Pedro“ aus dem achtzehnten Jahrhundert mit seinen Dachstuhl der aus Kaktusholz gezimmert ist.

... Iglesia de San Pedro

... Iglesia de San Pedro

Unsere Residenz schlagen wir für einige Tage in der Ortsmitte im Hof des Takha Takha (Hotel-Camping) auf, neben einem schönen Malvengarten. Dies ist eine gute Basisstation für Touren die uns ins Umland führen. Außerdem sind wir in zwei Minuten in der „Fußgängerzone“ des Dorfes.

... die „Fußgängerzone“ von San Pedro

... die „Fußgängerzone“ von San Pedro

Wir haben uns mit unseren Schweizer Freunden Joli, Reni und Ingo verabredet, die zwei Tage nach uns eintreffen. Reparaturen und Wartungsarbeiten werden am Auto erledigt, die Wäsche wird wieder auf Vordermann gebracht, wir kochen zusammen und haben wieder viel zu erzählen. Michaela, Reni und ich machen einen Tagesausflug zum Jama-Paß, der auf einer Höhe von 4400 m liegt.

... Richtung Jama-Paß

... Richtung Jama-Paß

San Pedro ist ideal um sich zu akklimatisieren, denn das Wüstendorf liegt auf einer Höhe von 2500 m. Somit merken wir die 2000 m Höhe kaum noch. Zuerst geht es 40 Kilometer nur bergauf. Oben an der Hochebene angekommen sehen wir Lamas und Alpakas weiden, die von indianischen Familien gehalten werden.

... Lama am Jama-Paß

... Lama am Jama-Paß

Außer ihren kleinen Lehmhäusern und den Herden besitzen viele Familien nichts. Lamas und Alpakas zählen zu der Familie der Kamele deshalb werden sie auch Anden-Kamele genannt. Es gibt noch zwei Arten von Tieren die hier oben auf dem Altiplano leben und ebenso zu der Familie der Kamele gezählt werden. Die wildlebenden und menschenscheuen Guanakos und die Vikunjas. Beide ähneln mehr dem europäischen Reh als einen Kamel. Ihr Fell bzw. die wunderbare Wolle welche man hieraus herstellen kann, wurde ihnen in den 70er Jahren fast zum Verhängnis und sie standen kurz vor dem Aussterben. Nur noch ca. 1000 Vikunjas wurden in Chile gezählt. Gerade noch rechtzeitig wurden sie unter den Artenschutz gestellt und so zählt man heute wieder über 27 000 Vikunjas. Die Wolle des Vikunjas gilt als die feinste im gesamten Tierreich.

... Vikunjas am Altiplano

... Vikunjas am Altiplano

Nun soviel zur Tierwelt. Es geht weiter über die Hochebene. Zur linker Hand thront der bolivianische Vulkan Licancabur mit einer stolzen Gipfelhöhe von 5930 m. Bei meiner ersten Südamerikareise wollte ich zusammen mit einem ebenfalls aus Bayern stammenden Radlfahrer den Gipfel dieses „Bilderbuch-Vulkans“, besteigen. Dreihundert Meter unterhalb des Gipfels mussten wir auf Grund von Erschöpfung und mangelnder Kräfte aufgeben. Heute genieße ich seine magische Ausstrahlung gerne aus der Ferne.

... Vulkan Licancabur 5930 m, im Hintergrund

... Vulkan Licancabur 5930 m, im Hintergrund

Wir fahren durch unwirtliche Landschaft. Salztonebenen beherrschen hier oben das Landschaftsbild. Mal wirkt die Gegend weich und sanft, mal bizarr und rau. Beim zurückfahren änderte sich die Landschaft erneut, aufgrund des Lichtes der tief stehenden Nachmittagssonne. Die Ebenen werden mit langen Schatten der umliegenden Bergriesen durchzogen.

... Salztonebene am Jama-Paß

... Salztonebene am Jama-Paß

Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang sind wir wieder in San Pedro zurück. Der Höhepunkt des Tages wird noch folgen. Unweit von San Pedro liegt das „Valle de la Luna“ (das Tal des Mondes). Eine Straße führt durch die „Mondlandschaft“. Es sind zwei Tage vor Vollmond und somit irrsinniges Glück für uns. Der Mond zeigt sich fast kugelrund.

... fast wäre der Mond geplatzt

... fast wäre der Mond geplatzt

Gerade als sich auf der einen Seite die Sonne vom Tag verabschiedet und das schwächer werdende Licht der Wüstenerde die schönsten Farbnuancen entlockt, kommt der Erdtrabant auf der anderen Seite hinter den Bergen hervor. Das Licht ändert sich von Minute zu Minute. Einige Touristenbusse stehen schon am Parkplatz an der großen Sanddünne. Knapp achtzig „Fotohungrige“ stürmen in Rekordzeit die Sanddüne hoch und knipsen wie die Weltmeister.

... Fotografen auf der Sanddüne

... Fotografen auf der Sanddüne

Wir natürlich auch, allerdings von eine Nachbarberg aus. Das Lichtspektakel in der klaren Wüstenluft dauert nicht lange und die letzten Busse verlassen schon wieder das „Mondtal“. Es kehrt wieder Ruhe ein nur der Mond wacht noch die ganze Nacht über seinem Tal.

... Michaela und Reni im Mondtal

... Michaela und Reni im Mondtal

Ingo und Joli warten schon auf unsere Rückkehr, denn es wird gleich gekocht. Beim Abendessen lassen wir den heutigen ereignisreichen Tag nochmals Revue passieren.
Die Abende in der Wüste sind kalt und so sitzen wir nicht lange im Freien sondern ziehen uns bald in unsere Fahrzeuge zurück. Wie schon auf der Hosteria Suizandina wurden aus ein paar Tagen letzen Endes 8 Tage. Ingo und Joli bringen Reni morgen nach Calama zum Flughafen. Ihr zweimonatiger Chileaufenthalt geht zu Ende. Wir haben heute ein Date mit Roman, den wir vor einer Woche auf dem Weg nach Calama von der Straße mitgenommen hatten, da sein Auto defekt war. Dieses Treffen findet nicht statt, warum wissen wir nicht. Beim vereinbarten Treffpunkt warten wir vergeblich. Wir rufen ein paar mal noch an und hinterlassen eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, aber ohne Erfolg. In Calama auf dem Municipal Camping lernen wir Volkmar und Gudrun aus Berlin kennen, die ebenfalls mit einem VW-Bus unterwegs sind. Daneben stehen Walter und Marion mit ihrem MAN-Lkw aus dem Ruhrgebiet. Wir haben alle das gleiche Ziel und das heißt BOLIVIEN. Wir fahren alle am gleichen Tag los aber zu unterschiedlichen Zeiten. Jeder muß zuvor noch einiges in der Stadt erledigen. So beschließen wir, dass wir uns auf den Weg zur bolivianischen Grenze, die noch 200 Kilometer entfernt ist, irgendwo an der Strecke bei einer ungefähren Höhe von 3000 Meter treffen. Dies ist eine Vorbeugemaßname um den Körper wieder langsam an die Höhe anzupassen, da es wieder mal über einen Paß von 4000 Metern geht der uns nach Bolivien führt. Michaela und ich besuchen das kleine Dorf Chiu Chiu, das auf der Strecke liegt. Einige Kilometer östlich davon gibt es eine kleine Lagune mit dem Namen „Inca Coya“. Oder besser gesagt ein rundes Wasserloch mitten in der Wüste, von dem bis heute kein Mensch weiß wie tief es ist. Schon der berühmte französische Meeresbiologe Jacques Cousteau war hier mit seinen Tauchern um bis zum Grunde dieses Wasserlochs zu tauchen. Bei 2000 Metern mussten sie aufgaben, da der Boden immer noch nicht in Sicht war.

... Laguna Inca Coya

... Laguna Inca Coya

Wir fahren vom „Loch der unbekannten Tiefe“ weiter Richtung Bolivien. Am Spätnachmittag sehen wir die beiden anderen Fahrzeuge in der Ferne stehen, die bereits ihren Standplatz für die Nacht bezogen haben. Wir stellen uns dazu. Es ist gerade noch Zeit schnell zusammen einen Kaffee zu trinken, dann verschwindet jeder in seinen Fahrzeug. Nachts wird es bitterkalt, -12°C

 ... im Convoi, Nachtlager in der Atacama-Wüste

... im Convoi, Nachtlager in der Atacama-Wüste

Nun, hier machen wir diesmal Schluß, wir sind kurz vor der Grenze. Im nächsten Reisebericht melden wir uns aus Bolivien.
Michaela und Raimund

Chile Chilenische Schweiz (Seengebiet) – Pazifikküste hoch bis La Serena – Valle del Elqui – Paso del Agua Negra –

Der Süd-Herbst treibt uns schneller nach Norden als uns lieb ist. Die Regenzeit im chilenischen Seengebiet ist bereits im vollem Gang. Die Sonnenschirme und Liegestühle am Strand sind bereits eingemottet. Nur noch wenige Ferienhotels und Campingplätze sind noch geöffnet und man trifft selten noch auf Urlauber. Wir sitzen auf einem Campingplatz am Strand des Lago Villarrica und stellen uns vor, welche Massen von Urlaubern sich wohl noch vor zwei Wochen hier getummelt haben. Jetzt sind wir seit Tagen die einzigen auf diesem Campingplatz. Anders als in Europa gibt es hier keine Nach- oder Nebensaison. Die Urlaubszeit steht und fällt mit den Schulferien.

... die Saison ist vorbei - leere Strände am Lago Villarrica mit gleichnamigen Vulkan im Hintergrund

... die Saison ist vorbei - leere Strände am Lago Villarrica mit gleichnamigen Vulkan im Hintergrund

Die Bäume unter dem unser VW-Bus steht, haben den Regen der letzten beiden Tage von uns ferngehalten. Sobald sich das Wetter bessert wollen wir wieder weiter. Am vierten Tag ist es so weit, es kann wieder los gehen. Nach ein paar Kilometer Fahrt hören wir es schon wieder. Dieses Geräusch welches uns seit letzter Woche verfolgt. Es kommt und geht und wir wissen nicht woher es kommt und wohin es geht. Es macht uns noch wahnsinnig. Um der „Sache“ mal endlich nachzugehen, stelle ich mich hinten auf die Stoßstange und Michaela fährt los. Nach ein paar Metern kann ich das Geräusch bereits lokalisieren. Ich schraube das hintere linke Rad ab und da haben wir des Rätsels Lösung. Die Schraubfeder ist gebrochen. Im ersten Moment ein Schreck. Gott sei Dank können wir noch fahren, wenn auch nur mit Vorsicht. Wir machen den nächsten VW-Händler im 100 Kilometer entfernten Temuco ausfindig und fahren umgehend dorthin. Dieser erklärt uns, er hätte letzte Woche den Vertrag mit VW gekündigt und verweist uns auf einen örtlichen Ersatzteilhändler. Der Ersatzteilhändler kann uns auch nicht weiterhelfen und meint, wir sollen doch ins 370 Kilometer entfernte Puerto Montt fahren, dort befinde sich die nächste VW-Vertretung. Wir fahren noch zu einen weiteren Ersatzteilhändler in Temuco, den wir an der Strecke sehen. Der lässt uns wissen, eine neue Schraubfeder bekommen wir nur über VW-Chile und diese hat ihren Sitz in der Hauptstadt Santiago. Freundlicherweise gibt er uns die Telefonnummer von VW-Chile mit. Wie sich später herausstellt ist die Telefonnummer falsch. Wir fahren in den nächsten Telefonladen und wälzen uns selber durch die dicken Telefonbücher. Als wir endlich die richtige Nummer haben und uns verbinden lassen, meldet sich der Anrufbeantworter und weist uns darauf hin, dass wir außerhalb der Geschäftszeiten anrufen. Somit müssen wir es morgen noch mal versuchen. Am nächsten Tag teilt uns der zuständige Sachbearbeiter mit, dass die Schraubfeder nicht in Chile vorrätig sei und er diese erst in Deutschland bestellen müsse. Selbst als Eilsendung würde die Lieferzeit circa drei Wochen betragen. Nun solange wollen wir eigentlich nicht warten, noch dazu da eine „dreiwöchige Lieferzeit“ schon mal fünfwöchig bedeuten kann. Deswegen starten wir unseren nächsten Versuch. Wir rufen Christian, Michaelas Bruder, an und fragen ob er bei VW in Deutschland Preis und Lieferzeit anfragen und zugleich einen Spediteur finden könnte, der uns dieses Teil so schnell wie möglich nach Chile befördern kann. Umgehend macht sich Christian an die Arbeit und leitet sofort alles in die Wege. Zwischenzeitlich fragen wir beim Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Santiago an, ob wir die Postadresse benutzen dürfen und das Ersatzteil für einige Tage bei ihnen lagern könne. Die Dame an der Telefonvermittlung teilt uns mit, diese Frage könne diese Woche nicht mehr beantwortet werden, (es ist Freitag vormittags) da der zuständige Mitarbeiter, welcher diese Entscheidung treffen kann, heute verhindert ist. Wir sollen doch freundlicherweise am Montag noch mal anrufen. Auch nach nochmaligem bitten und dem Hinweis „es wäre für uns sehr dringend und wichtig“ erteilt sie uns eine Abfuhr. Unser Nervenkostüm ist kurz vorm zerreisen. Seit zwei Tagen sind wir nur am Fahren und Telefonieren. Kühl bleiben und überlegen. Nächste Möglichkeit, wir rufen beim Honorarkonsulat in Vina del Mar an und tragen unser Anliegen vor. Problemlos und freundlich kommen sie unserer Bitte nach. Wir teilen Christian die Lieferadresse mit und er läßt uns wissen „ die Schraubfeder geht heute noch raus, Lieferzeit ca. 10 Tage“. Lieber Christian, wir danken Dir hiermit noch mal ganz herzlich für Deine sofortige Hilfe ohne wenn und aber! Unsere beiden Familien sind einfach fantastisch!!!

... Samstag ist in ganz Chile Waschtag

... Samstag ist in ganz Chile Waschtag

Wir sind immer noch im Seengebiet unterwegs oder wie es im Volksmund heißt: die „Chilenischen Schweiz“. In den letzten beiden Jahrhunderten sind viele Tausende Schweizer und Deutsche hierher ausgewandert wo zuvor nur die Mapuche- Indianer lebten. Nicht umsonst trägt dieses Stück Land den Namen chilenische Schweiz, denn auch landschaftlich hat es mit der Schweiz einige Ähnlichkeiten. Heute leben noch über 150 000 Chilenen deutscher Herkunft in der Region. An den Straßen finden wir Schilder mit Schriftzügen wie „Kuchen y Strudel“, „Bier vom Fass“ oder „Biergarten“ . Wir fahren weiter über die Dörfer. Es ist Herbst und die Ernte ist im vollem Gang. Auch wir nehmen mit, was uns die Natur ernten lässt. Zum Beispiel Brombeeren, diese gibt es hier so viele wie Sand in der Sahara. Im nu hat Michaela ein paar Gläser Brombeer-Marmelade eingekocht.

 ... Brombeer - Sammler und Jäger

... Brombeer - Sammler und Jäger

Reisen heißt auch Leute treffen und kennen lernen. So haben wir uns mit Joli und Ingo, den beiden Schweizern die wir bereits vor zwei Monaten in Feuerland getroffen haben, per Internet verabredet. Wir verbringen zusammen ein paar Tage in der Hosteria La Suizandina, die ebenfalls von einer jungen Schweizer Familie geführt wird. Auf dem dazugehörigen Campingplatz haben wir uns für ein paar Tage eingerichtet. Joli und Ingo haben diesmal einen Gast dabei. Es ist Reni, Jolis Schwester welche die beiden für zwei Monate besucht und mit ihnen mitreist. Wir machen Wanderungen in die umliegenden Araukarienwäldern, von denen manche Bäume ein stolzes Alter von über 1000 Jahre haben. Abends kochen wir gemeinsam und Höhepunkt des Tages ist dann immer das Lagerfeuer an dem wir meist bis Mitternacht sitzen und uns Geschichten erzählen. Reni und Michaela kneten Brotteig. Anschließend stellen sie einen geschlossen Topf mit dem Teig in die Glut des Feuers. Auf den Deckel wird ebenfalls Glut gelegt, so dass der Topf ringsum mit Glut bedeckt ist.

... Brot aus dem Glutofen

... Brot aus dem Glutofen

Nach einer guten Stunde ist der Teig gebacken und wir haben am Morgen frisches Brot. Momentan probieren wir noch verschiedenen Mehlsorten aus. Das Ergebnis ist mittlerweile schon recht gut. Da es in Chile und Argentinien nur Weißbrot oder ähnliches zu kaufen gibt, kann man sich das Brotessen hier abgewöhnen. Deshalb macht es auch richtig Spaß lieber selber zu backen auch wenn das Brot mit vielen Körnern natürlich, manchmal etwas dunkel wird. Daher der Name „Schwarzbrot“ „SMILEY“

... Lagerleben bei der Hosteria La Suizandina

... Lagerleben bei der Hosteria La Suizandina

Da wir nun bei Schweizern und mit Schweizern zusammen sind, darf ein typisches Schweizer Gericht dazu natürlich nicht fehlen. Wir reservieren einen Tisch in der Hosteria zum Raklette-Essen. Soviel Schweiz in Südamerika haben wir nicht erwartet! Jeder Tag geht viel zu schnell vorbei und so werden aus ein paar Tagen ganze acht Tage. Es gibt einfach viel zu viel zu erzählen. Joli, Reni und Ingo bleiben noch ein paar Tage in der Araukarien-Region. Wir fahren weiter Richtung Westen an den Pazifischen Ozean. Urplötzlich ändert sich die Vegetation. Ab sofort ist nicht mehr grün die tonangebende Farbe sondern braun. Palmen wachsen am Straßenrand und ein warmer Wind bläst vom Meer her. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir dann endlich die Küste.
Um einen Campingplatz oder einen günstigen Übernachtungsplatz zu suchen, bleibt uns keine Zeit mehr. Wir stellen uns in einem kleinen Fischerdorf direkt an den Strand mit der Hoffnung, dass uns keiner sieht und wir die Nacht über Ruhe haben. Bis Mitternacht geht alles gut, dann werden wir aus dem Schlaf gerissen. Die Dorfjugend hat wohl kurzfristig eine Mitternachts-Disco-Party organisiert und wir stehen mit unserem Bus mitten drin. Es wird schon hell als die letzten den Strand räumen. Halbausgeschlafen ziehen wir weiter nordwärts an der Küste entlang auf rotbraunen Erdstraßen unterwegs.

... Pelikane am Pazifikstrand

... Pelikane am Pazifikstrand

Vier Ochsengespanne kommen uns entgegen, die Karren mit Kartoffeln überladen. Es ist Sonntag frühmorgens. Wo wollen die denn heute um die Zeit schon hin? Alles dreht sich zur Zeit um die Ernte. An einer alten Dreschmaschine bewundern wir, wie es die Erntehelfer in der staubigen Luft den ganzen Tag nur so aushalten. Einige tragen zum Schutz Brillen und Staubtücher.

 ... Dreschmaschine, staubige Angelegenheit

... Dreschmaschine, staubige Angelegenheit

Weiter geht es bis Iloca, einem kleinen Ort am Meer, wo wir übernachten. Am Morgen kommen die Fischer vom Fang zurück. Die Boote werden mit Ochsengespannen an Land gezogen. Um die Fische in den Netzen schneller aussortieren zu können, werden die Panzer der in großer Anzahl verfangenen Krebse, mit Holzstöcken zerschmettert. Die wenigen gefangenen Fische kommen in einen separaten Behälter. Die Möwen sowie die Straßenhunde versammeln sich um die Boote und warten auf ihr Frühstück.

... Die Boote werden mit Ochsen an Land gezogen

... Die Boote werden mit Ochsen an Land gezogen

Im ganzen Dorf richt es nach Fisch. Nach einer halben Stunde ertragen wir den Gestank nicht mehr und haben wortwörtlich „ die Schnauze voll“ und flüchten aus dem Dorf. Wir fahren weiter über die Dörfer. Mal Schotterpiste, mal Teerstraße. Oft sind die Schotterpisten besser zu befahren als die kaputten Teerstraßen mit ihren Schlaglöchern. Wieder ändert sich die Landschaft. Nun Obstplantagen, Weingärten und mittendrin prachtvolle Herrenhäuser. Es ist wirklich eine fruchtbare Gegend südwestlich von Santiago. Alles was hier wächst wird täglich frisch an der Straße verkauft. Für Obst- und Gemüseesser ein wahres Paradies. Nüsse, Trauben, Tomaten, Kartoffel, Zwiebeln, Zitronen, Orangen, Datteln, Erdbeeren, Mais und vieles mehr. 4 Kilogramm Avocados z.B. kosten umgerechnet 1,40 EUR.
Auch eines der vielen Weingüter wollen wir besuchen. Wir fahren direkt mit dem VW-Bus durch einen der Weingärten. Die Erntehelfer erblicken uns, es sind zumeist Jugendliche. Sie lassen die Arbeit liegen, kommen auf uns zu, bestaunen unseren VW-Bus und fragen uns Löcher in den Bauch. Als Geschenk schneiden sie frische Traubenzöpfe ab und geben sie uns mit auf den Weg. Eine herzliche Begegnung.

... junge Chilenen bei der Weinlese

... junge Chilenen bei der Weinlese

Mittlerweile sind einige Tage vergangen und unser Ersatzteil aus Deutschland müsste eigentlich schon im Konsulat in Vina del Mar liegen. Täglich rufen wir an nur um zu erfahren, dass es noch nicht da sei. Wir füllen unseren Lebensmittelvorrat nochmals auf und nisten uns für ein Paar Tage auf einen Campingplatz nördlich von Vina del Mar ein, denn es steht das Osterwochenende vor der Tür. Auch am Gründonnerstag keine Lieferung ans Konsulat. Gerne hätten wir die Schraubfeder noch vor Ostern erhalten und ausgewechselt. Etwas enttäuscht sind wir über die gläubigen Katholiken Chiles. Selbst am Karfreitag wird gearbeitet und die Kirchen sind verschlossen. Am Ostersamstag erfahren wir, warum die Chilenen nicht mehr gläubig und die Kirchen verschlossen sind. Julio, der
Campingplatzbesitzer klärt uns auf, und meint „mit Ostern müsst ihr noch eine Woche warten“. Tja das ist das Leben eines Reisenden, man verliert die Wochentage aus den Augen und wähnt schon Ostern wo erst Weihnachten ist.

.... nachdem „Esmeralda“ auf der Damentoilette des Campingplatzes auftauchte, hatte Michaela kein Bedürfnis mehr.

.... nachdem „Esmeralda“ auf der Damentoilette des Campingplatzes auftauchte, hatte Michaela kein Bedürfnis mehr.

Am Dienstag endlich die positive Nachricht aus dem Konsulat. Die Schraubfeder ist da. Nichts wie hin und das lang ersehnte Teil abholen. Am gleichen Tag bauen wir sie auf dem Campingplatz noch ein. Nun sind wir wieder gerüstet für die vielen Schotterpisten. Am Morgen fahren wir weiter auf der Panamericana Richtung Norden. Unser Tagesziel ist die Küstenstadt La Serena. Es ist bereits spät nachmittags und wir brauchen noch einen Stellplatz für die Nacht. Plötzlich merke ich mit dem Gangschalthebel stimmt etwas was nicht. Ich probiere alle Gänge durch und stelle fest, es lassen sich nur noch der dritte, vierte und fünfte Gang schalten. Sch…. . Bis zur nächsten größeren Stadt – La Serena – sind es noch gute 40 Kilometer mit mehreren Steigungen und in spätestens zwei Stunden wird es dunkel. Es ist still, keiner sagt was und jeder hofft , dass wir alle vor uns noch liegenden Berge mit dem 3. Gang hoch kommen und nicht in der Dunkelheit irgendwo stehen bleiben. Von der nahe gelegenen Küste zieht Nebel auf. In der Ferne sehen wir ein überdimensionales Kreuz am Horizont. Es ist das Kreuz des Dritten Jahrtausends der Stadt Coquimbo, das über dem ganzen Ort thront mit einer beachtlichen Höhe von 92 Metern.

 .... Coquimbo bei Nacht

.... Coquimbo bei Nacht

Am Ortseingang angekommen suchen wir die erste Tankstelle auf und fahren zur Diagnose unseren VW-Bus auf eine Hebebühne. Auf den ersten Blick sehen wir es, der Kugelkopf des Schaltgestänges für die ersten beiden Gänge und den Rückwärtsgang ist gebrochen. Der Mechaniker der Tankstelle meint, hier kann auch er uns nicht weiterhelfen, aber er kenne jemanden der das richten könnte. Ein kurzer Anruf und ein paar Minuten später stehen zwei weitere Mechaniker da. Sie bauen das Gestänge aus, verschwinden damit so schnell wie sie gekommen sind und eine halben Stunde später kommen sie mit dem reparierten Teil zurück. Sie bauen es ein und siehe die Gänge funktionieren wieder alle einwandfrei. Wir bezahlen umgerechnet 15,00 EUR. Nachdem es bereits finster ist, erlaubt uns der Tankstellenpächter die Nacht auf dem Tankstellengelände zu verbringen.

 ... Fischkutter in Coquimbo, im Hintergrund eine von zwei Moscheen die es in Chile gibt

... Fischkutter in Coquimbo, im Hintergrund eine von zwei Moscheen die es in Chile gibt

Am Morgen beschließen wir im kleinen Serviceroom der Tankstelle zu frühstücken. Wir sind nicht die einzigen. Vor dem Eingang steht ein feuerroter Brasil-VW-Käfer, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Der Fahrer sitzt vertieft in seiner Zeitung – glauben wir – an einem kleinen Seitentisch und verzehrt zwei belegte Toastbrote,. Er beobachtet unsere etwas unentschlossene Bestellung, steht auf, zeigt uns seine Toastbrote und meint in englischer Sprache „ Would you like to have toasted bread like this, they are tasting very good“. (Möchtet ihr Toastbrote so wie ich sie esse, sie schmecken hervorragend). Schnell kommen wir mit ihm ins Gespräch. Er stellt sich als Oscar Fiedler vor und ist der Kulturbeauftragte der 160 000 Einwohnerstadt Coquimbo. Ein paar Brocken Deutsch hat er auch auf Lager, da sein Vater gebürtiger Nürnberger ist, der Rest der Unterhaltung erfolgt in Englisch. Er lädt uns in sein Büro ein und erzählt von seiner Arbeit.

... Oscar zeigt uns sein Büro

... Oscar zeigt uns sein Büro

Oscar ruft seinen Freund Raul an, welcher Deutsch spricht und sich für uns den ganzen Tag Zeit nimmt um uns Coquimbo und La Serena zu zeigen. Raul war in den Siebziger Jahren aktiver Allende-Anhänger und musste nach dem Millitärputsch Chile verlassen; er kam nach Deutschland ins Exil. Er sagt „ die Deutschen waren sehr nett und hilfsbereit, deshalb möchte ich von der Hilfsbereitschaft etwas zurückgeben“. Eine Familie hat ihn damals aufgenommen und die Kinder waren wie Geschwister zu ihm. Er erzählt „ Hans ist wie mein Bruder“ und sie besuchen sich auch heute noch. Raul lebte fast 30 Jahre in Deutschland, ging dann aus gesundheitlichen Gründen zurück ins wärmere Chile. Und Hans, Raul´s Bruder ist mittlerweile erster Stadtrat und Stellvertretender Oberbürgermeister von Hannover.

... Tangsammler am Strand von Coquimbo

... Tangsammler am Strand von Coquimbo

Elisa, Rauls Frau, hat uns am Ostersonntag zum Nachmittagstee geladen. Zusammen mit ihren spanischen Freunden genießen wir Tee, Torte und Kuchen. Raul zeigt uns sein Abschiedsgeschenk, welches er von seinen deutschen Freunden bekommen hat als er vor vier Jahren nach Chile zurück ging. Es ist eine dicke Mappe mit Berichten, Zeitungsausschnitten und Fotos von all den Hilfsaktionen bei welchen Raul in seiner Freizeit aktiv beteiligt war. Eines seiner größten Hilfsprojekte war die Einrichtung einer Nicaraguahilfe. Raul hat ein rießengroßes Herz und wir sind gerührt und dankbar für seine Hilfsbereitschaft welche wir am eigenen Leibe spüren konnten. Auch als wir am nächsten Tag Probleme mit der Werkstatt haben, ein Anruf und Raul ist in fünf Minuten da. Liebe Elisa und Raul, wir wollen nochmals Danke sagen für Eure tolle Gastfreundschaft und große Hilfsbereitschaft!

.... Raul und Elisa

.... Raul und Elisa

Wieder ist es Zeit um aufzubrechen und Neues zu erleben. Bei La Serena fahren wir ins Valle d`Elqui, ein fruchtbares Tal wo auf den bewässerten Feldern entlang des Flusses und an den Hängen der Wüstenberge ein Großteil des chilenischen Weines wächst. Hier gedeihen auch
die sonnig-süßen Muskatellertrauben aus dem der Pisco, das chilenische Nationalgetränk, gebrannt wird.

...Valle del Elqui, Weinanbau im Tal und an den Hängen der Wüstenberge

...Valle del Elqui, Weinanbau im Tal und an den Hängen der Wüstenberge

Unser Ziel ist eigentlich das Nachbartal Valle del Rio Hurtado wo wir hoffen, nochmals unsere Schweizer Freunde zu treffen, denn auch sie wollten in dieses Tal fahren. In unserer Landkarte ist ein kleiner Weg eingezeichnet, der die beiden Täler über die Berge verbindet. Wir tauchen in eine andere Welt ein. Wüstenkordillere, Kakteen, Staub, Hitze, keine Menschen, nichts.

 ...auf den Weg nach Hurtado

...auf den Weg nach Hurtado

Nach zweieinhalb Stunden Fahrzeit und kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Andenbauerndorf Hurtado. Von hieraus sind es nur noch ein paar Kilometer zum Treffpunkt Hazienda Los Andes. Joli, Reni und Ingo treffen wir erst am anderen Tag. Auch wenn wir dieses Mal nur einen Tag Zeit für einander haben, freuen wir uns alle riesig und haben viel zu erzählen. Da Reni in drei Wochen nach Hause fliegt, haben die drei noch ein straffes Programm vor sich und fahren am anderen Tag weiter in den Norden Chiles.

... kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Andendorf Hurtado mit fruchtbaren Tal am gleichnamigen Fluß.

... kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Andendorf Hurtado mit fruchtbaren Tal am gleichnamigen Fluß.

Für uns wird es Zeit nach über sechs Wochen wieder mal das Land zu wechseln. Wir wollen in den Norden Argentiniens. Der kürzeste Weg führt über den Andenpass Agua Negra. Die Passhöhe markiert zugleich die Grenze zwischen Chile und Argentinien und liegt auf 4779 m über den Meeresspiegel. Der Pass ist nur von Dezember bis Mai geöffnet. In den Süd-Wintermonaten ist er auf Grund der starken Schneefälle gesperrt. Wir fahren bis zum Talende des Valle del Elqui wo wir an der letzten Tankstelle das Fahrzeug für die Höhe vorbereiten. Luft, Wasser, Öl kontrollieren, den Dieselkraftstoff mischen wir einen Antifrostzusatz bei, damit wir in der Höhe bei den Minustemperaturen keine Probleme bekommen. Die chilenische Grenzabfertigung sowie die Zollstation liegen bei der letzten Siedlung am Talende und somit 100 km vor der tatsächlichen Grenze die am Pass oben verläuft . Auch die argentinische Grenzstation liegt erst ca. 80 Kilometer weit im Landesinneren vorm ersten Dorf. Die Grenzpolizisten wollen von uns wissen ob wir am Pass übernachten oder noch heute direkt nach Argentinien einreisen. Wir teilen ihnen mit, dass wir an einer Lagune in ca. 3000 m Höhe die Nacht verbringen und dann am anderen Morgen den Pass überqueren und nach Argentinien einreisen wollen.. Diese Informationen werden den argentinischen Grenzpolizeikollegen mitgeteilt. Sollten wir morgen die argentinische Grenzstation nicht passieren, würden sie einen Suchtrupp losschicken. Es kommt immer wieder vor, dass Erdrutsche abgehen und die Straße nicht mehr passierbar ist oder Reisende mit der Puna (Höhenkrankheit) Probleme bekommen.
Anfangs windet sich die Schotterstraße wie eine Schlange durch die Bergflanken und wir merken kaum, dass wir an Höhe gewinnen.

... phantastische Landschaft am Paso del Agua Negra

... phantastische Landschaft am Paso del Agua Negra

Die Farben des Gesteins ändern sich ständig in allen möglichen Pastellfarben. Mal Ocker, mal Kaminrot oder Samtgrün in den unterschiedlichsten Marmorierungen.

 ... die Passstraße windet sich durch ein Hochtal

... die Passstraße windet sich durch ein Hochtal

Die letzen Sonnenstrahlen verstärken die Farbtöne nochmals, gerade noch rechtzeitig beziehen wir unser Nachtlager an der Lagune. So nah waren wir den Himmel noch nie.Ein grandioser Sternenhimmel in fast schon unheimlicher Stille verabschiedet uns an diesem Tag und die erwartete Kälte bleibt in der Nacht aus. Am Morgen haben wir beide leichte Kopfschmerzen. Dies sind die ersten Symptome der Puna. Wir fahren weiter durch ein Hochtal nach dem anderen und wieder klettert die Straße fast unbemerkt hoch. Ringsum überall Berge, es kommt uns vor als seien wir ganz alleine mit dem Auto auf dem Mars unterwegs.

... auf dem Mars unterwegs

... auf dem Mars unterwegs

Von der Ferne sehen wir eine lange Staubfahne die von einem Auto hochgewirbelt wird. Gestern war es ein Auto und heute sind es drei Autos welchen wir begegneten. Die ersten Büßerschneefelder, der Höhenmesser zeigt die 4000 m Marke an. Nochmals 779 m die auch unserem VW-Bus zu schaffen machen. Der Leistungsabfall in der sauerstoffarmen Luft hier oben ist enorm. Hoffentlich hält „Er“ durch. Im letzten Abschnitt steigt die Schotterstraße nochmals extrem an. Rechts geht es 800 Meter den Berghang hinunter. Dann haben wir es geschafft, 4779 Meter Passhöhe und zugleich Grenze. Außer ein paar Steinmonumente und Schildern mit den Schriftzügen der beiden Ländern gibt es nicht viel zu sehen. Michaela möchte gerne vorm Bus ihre Tasse Tee trinken doch der Wind ist so stark, dass sie ihr Vorhaben lieber gemütlich im Bus zu Ende bringt.

... am Pass auf 4779 m Tee zu trinken ist kein Vergnügen

... am Pass auf 4779 m Tee zu trinken ist kein Vergnügen

Michaelas Kopfschmerzen sind verflogen. Bei mir kommt ein weiteres Symptom der Puna dazu, Übelkeit. So halten wir uns nicht mehr lange auf und beginnen mit der Abfahrt. Nun geht es 80 Kilometer ständig bergab bis zur argentinischen Grenzstation. Ich schwöre mir, so schnell keinen Andenpass mehr zu überqueren. Mit jedem Meter nach unten geht es mir besser. Die Landschaft auf der argentinischen Seite des Passes ist nicht mehr ganz so spektakulär wie auf der chilenischen Seite aber trotzdem sehenswert. An der Grenzstation hatte man uns schon erwartet: „Ah, das sind die zwei Deutschen“. Bemerken möchten wir, dass wir von den argentinischen sowie von den chilenischen Grenzbeamten sehr nett behandelt wurden. Von argentinischen Grenzpolizisten hatten wir ja leider schon anderes erlebt. Im Nachbardorf Rodeo haben wir uns erstmal für zwei Tage auf einem Campingplatz mit großen schattigen Trauerweiden eingemietet und erholen uns von den Strapazen.

... kurz vor Rodeo

... kurz vor Rodeo

Am Abend bei Bier und Wein planen wir schon wieder die nächste Andenüberquerung. Fürs Erste bleiben wir hier in Argentinien. Hier im Norden Argentiniens ist das Klima sehr heiß, aber mehr davon erfahrt ihr im nächsten Reisebericht.
Michaela und Raimund

Osorno – Llanquihue – Chiloe Argentinien – Chile Fitz Roy – Lagos Buenos Aires – Puerto Aisen – Esquel – El Bolson

Die Familie der „ Südamerika-Fahrer“ ist groß. Man trifft jemanden, der wiederum kennt den, welchen man Wochen zuvor getroffen hat. Und oft trifft man sich Wochen oder Monate später irgendwo wieder, trotz der großen Entfernungen. Am Ortseingang bei der Rangerstation von El Chaiten sehen wir aus der Ferne einen orangefarbigen VW-Bully mit weißem Dach und altem schwarzen österreichischen Kennzeichen. Der Fahrer ,weißer Bart, straffe Hosenträger. Das kann nur der Sepp aus Österreich sein, sage ich zur Michaela. Der
72 jährige reist mit seinem 20 jährigen Vehikel alleine durch Südamerika. Wir kennen uns bereits vom Campingplatz in Ushuaia. Er erzählt, er war schon oft in Südamerika unterwegs und dieses Jahr ist es nun wirklich seine letzte große Tour.

... Monte Fitz Roy in der Morgensonne

... Monte Fitz Roy in der Morgensonne

Sepp war auch Bergführer in seinen jungen Jahren und hat so manchen hartnäckigen Gipfel dieses Planeten mit seinen Bergfreunden erklommen. Er verrät uns, welche Bergtouren hier im Chalten- Massiv besonders schön sind und welche wir bedenkenlos gehen können. Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg. Nur mühsam kommen wir „in den Gang“, denn die Hitze heute macht uns zu schaffen.

... da ist jemand müde

... da ist jemand müde

Dafür werden wir mit grandiosen Ausblicken und der Schönheit der Natur belohnt. Ein guter Schlaf ist uns heute gewiss, dachten wir. Als wir spät abends die VW-Tür schließen und den Rest der Welt hinter uns lassen wollten steht Sepp mit seinem „nachttauglichen“ Fernglas vor der Tür und weiht uns in die Geheimnisse des südlichen Sternenhimmels ein. Er zeigt uns Sterne und Sternennebel welche wir zuvor mit dem bloßen Augen noch nie gesehen haben. Wir sind ihm dankbar, dass er sein Wissen an uns weiter gibt aber auch wirklich müde. Nach vier Tagen verlassen wir das kleine Dörfchen El Chalten und kehren auf die Cuarrenta (Route National No.40) zurück.

... es geht weiter, im Hintergrund das Chalten-Massiv

... es geht weiter, im Hintergrund das Chalten-Massiv

In Tres Lagos heißt es nochmals den Tank voll machen. Auch wir tanken nochmals auf. Wir vertilgen beide eine kalte Cola und ein Sandwich Marke Gummibrot mit Käse und Schinken belegt. Vor uns liegen nun 500 Kilometer staubige Schotterpiste bis Perito Moreno. Dazwischen nichts als eine handvoll Steppenweiler und ein dutzend Estancias. Estancias nennt man hier die Groß-Bauernhöfe. Diese leben meist von Rinder- und Schafzucht, auf einigen kann man auch übernachten. Die meisten Estancias in Patagonien liegen von den Hauptrouten einige Kilometer abseits im Hinterland der Meseta. Sie „verstecken“ sich in Senken oder tiefen Canions zum Schutz vor dem starken Wind. Wie Sardinen in ihrem eigenen Saft sitzen wir in unserem Bus an diesem heißen Tag und entschließen uns, beim nächsten Wegweiser zu einer Estancia abzubiegen, mit der Hoffung nach einem langen und verschwitzten Tag einen ruhigen und kühlen Übernachtungsplatz zu finden. „Estancia La Angostura“ steht auf dem verwitterten Brett. Wir folgen dem Schild. Nach einigen Kilometern immer noch nichts als Meseta, so weit das Auge reicht. Wir haben das Gefühl, als führe der Weg ins „Nirgendwo“. Nun senkt sich der Weg ein wenig, es folgt eine leichte Linkskurve und dahinter geht’s steil in einen kleinen Canion hinab. Eine Oase tut sich für unsere Augen auf. Saftig grüne Wiesen und ein weit zerstreutes Flussbett. Davor weidende Pferde und Kühe und eben die gesuchte Estancia La Angostura. Oben vom Weg aus ist der Einschnitt des Canion überhaupt nicht zu sehen. Der Blick über die Meseta reicht bis zum Horizont. Man ist regelrecht überrascht, wenn man von einer auf die andere Sekunde plötzlich vor dieser unerwartet fruchtbaren Landschaft steht.
Wir sind nicht die einzigen Gäste heute. Zwei kleine Reisegruppen aus Deutschland und Frankreich von je 6 Personen befinden sich zur Zeit hier. Der Besitzer der Estancia fragt uns ob wir heute Abend am Lamm-Asado mit den anderen Gästen teilnehmen wollen. Da wirkeine Lust mehr zum Kochen haben, sagen wir zu, ohne lang zu überlegen. Die Gautchos spannen die Lammhälften auf das Grillkreuz und wenden es immer wieder am Holzfeuer. Neben verschiedenen Salaten bekommen wir diese unvergleichlich zarten Lammteile serviert wie es sie eben nur hier in Patagonien gibt. Nach dem Essen sitzen wir noch gemütlich mit den anderen Gästen und den Arbeitern der Estancia zusammen. Die letzten Lichter gehen aus, nun wird auch der Stromgenerator abgeschaltet und das Knattern nimmt endlich ein Ende. Wir sitzen noch eine Weile in unseren Campingstühlen hinterm VW-Bus und genießen die Stille und den Glanz des südlichen Sternenhimmel.

 ... Estancia La Angostura

... Estancia La Angostura

Auch am darauf folgenden Tag erreichen wir Puerto Moreno noch nicht und übernachten noch einmal auf einer Estancia. Peggy die 70 jährige Besitzerin, erzählt uns, daß ihr Vater vor ca. 100 Jahren aus dem kleinen schottischen Dorf Gairloch, das uns ja nicht unbekannt ist, hierher ausgewandert ist und die Estancia aufgebaut hat. Bis 1991 hatten sie 12 000 Schafe, und als im selben Jahr im August auf der chilenischen Seite der Vulkan Hudson ausbrach, sind im Ascheregen 7000 Schafe verendet. Von da an versuchten sie sich ein zweites Standbein aufzubauen, den Tourismus. Im Garten ist ein kleiner Campingplatz eingerichtet und zusätzlich gibt es kleine Cabanas (Hütten) in denen Gäste übernachten können. Am anderen Tag verweilen wir nicht lange im nahegelegenen Örtchen Perito Moreno. Wir drehen nach Westen ab und wollen am Südufer des Lagos Buenos Aires entlang fahren, um dann später auf die chilenische Carretera Austral (Landstraße des Südens) zu gelangen. In Chile Chico gehen wir über die chilenische Grenze. Der zweitgrößte See Südamerikas, welcher sich über beide Länder erstreckt, hat in Chile seinen eigenen Namen. Hier heißt er Lago General Carrera. Es folgen 120 hochdramatische Kilometer. Die Straße wird steiler und führt kurz ins Hinterland bevor sie wieder an das Hochufer des Sees heranführt. Es geht nur sehr langsam voran. Die Straße schmiegt sich eng an die hohen Bergwände. Steinschlag, immer wieder liegen fußballgroße Felsbrocken vor uns auf dem Weg. Rechts geht’s senkrecht zum See runter. Michaela schließt die Augen und betet einen Vater unser nach dem anderen.

 ...links im Bild, die Uferstraße am Lago General Carrera

...links im Bild, die Uferstraße am Lago General Carrera

Am Paso de Los Llaves mussten 30 Kilometer Gestein aus der Felswand gesprengt werden. Wir haben einen grandiose Blick über den See und die Anden-Kulisse. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir das Dorf Puerto Guadal wo wir bei einer Familie im Garten übernachten. Das Ganze mit Seeblick und ringsum Hühner, Gänse und drei Hunde von denen wir noch nicht wissen ob sie uns beschützen oder ob wir eher Respekt haben sollten. Am nächsten Morgen geht es auf die Carretera Austral, die einzige Straße die weit in den kalten Süden Chiles reicht. Der Weg führt durch tiefe Wälder und an Vulkanen und Gletschern vorbei. 1981 hat man mit den Bau der Straße in diese wilde unwegsame Gegend begonnen. Heute soll sie bis kurz vor das patagonische Inlandeisfeld gehen. Einige Radfahrer die wir getroffen haben, erzählten uns, dass sie bereits bei El Chalten über die Grenze gegangen sind und von Villa O`Higgins die Carreterra Austral nordwärts gefahren sind. Für uns ist vor Cochrane Schluß. Die Straße ist immer schlechter geworden. Die Löcher immer größer und der Belag immer ruppiger. Die Stoßdämpfer schlagen durch. Das wollen wir unserem Fahrzeug nicht weiter antun.

...Korallenblüte am Straßenrand

...Korallenblüte am Straßenrand

Wir machen Kehrtwende und fahren Richtung Norden bis Coihaique und weiter Richtung Westen bis Puerto Aisen wo wir an einem wildromantischen See übernachten und fahren am anderen Tag die Mammutstrecke zurück nach Argentinien und die Cuarrenta hoch bis Esquel. An der Grenze lassen uns die Argentinischen Zöllner den Bus komplett ausräumen – reine Schikane. Fünf Zöllner „filzen“ uns über zwei Stunden lang und suchen angeblich nach Drogen mit einem Drogenhund der erst nach der fünften Anweisung sich herablässt unseren Bus zu betreten. Aber nach nur 3 Minuten hat er die Schnauze voll und verschwindet wieder. Die ganze Strecke danach bis Esquel sind wir stinksauer. Am Abend meint Michaela „ vielleicht haben sie uns zwecks deines Aussehens ( 14 Tage nicht rasiert) gefilzt“. Ich beschließe, mich ab sofort nie mehr zu rasieren.

... Internet-Cafe an der Carretera Austral

... Internet-Cafe an der Carretera Austral

Ganz Bayern scheint in Südamerika unterwegs zu sein. Auf dem Campingplatz in Esquel lernen wir Judith und Uwe aus Hof a. Saale kennen. Zwei von vielen Bayern, welche wir bis jetzt getroffen haben. Die beiden waren mit ihrem gelben Büchereibus (ehem. mobile Landkreisbücherei v. Hof) in Ländern wie Indien, Pakistan unterwegs und schwärmen aber ebenso von ihrem Trip durch die Fränkische Schweiz. Uwe, der seinen Job als Hauptschullehrer bereits zum zweiten mal an den Nagel gehängt hat, behauptet, dass man das Bier hier in Argentinien schon trinken kann, aber das beste Bier gibt es in Oberfranken. Lieber Uwe wir schätzen ja Dein Fachwissen, aber geographisch liegst Du mit deiner Behauptung nicht ganz richtig. Wir laden dich mal in die Oberpfalz ein!J . Nachdem wir am Abend gemeinsam gegrillt haben, sitzen wir noch bis weit in den Morgen hinein am Feuer. Und wenn uns das Holz nicht ausgegangen wäre, würden wir vielleicht heute noch dort sitzen. Uwe ist ein leidenschaftlicher Hobbykoch genauso wie Michaela. Und als beide so ins Schwärmen kommen, welche Gaumenfreuden es weltweit so gibt, beschließen wir noch einen Tag zusammen zu verbringen um am nächsten Abend gemeinsam zu kochen und zu schlemmen.

... gemeinsam schmeckt´s noch besser

... gemeinsam schmeckt´s noch besser

Uwe zaubert eine hervorragende Tom Yam. Dies ist eine scharfe thailändische Suppe mit verschiedenen Gemüseeinlagen und speziellen Gewürzen. Michaela überrascht uns mit Ghana-Chilly. Hier handelt es sich um ein afrikanisches oder besser gesagt um ein Ghanaisches Huhngericht (Rezept, siehe Hexenecke, unter Schmankerl). Das Huhn wird in Tomaten und Zwiebeln gegart und mit Ingwer und Knoblauch abgeschmeckt. Dazu wird Reis serviert. Es ist ein richtig toller „Feinschmecker-Abend“. Später gesellt sich noch John dazu – ein Amerikaner aus Seattle – und füllt uns mit seinen selbstgemixten Caipirinias ab. Es waren zwei wunderschöne Tage mit Judith und Uwe. Wir freuen uns jetzt schon darauf, den beiden wieder irgendwo in Südamerika zu begegnen.

... geselliger Abend unter Gleichgesinnten

... geselliger Abend unter Gleichgesinnten

Am nächsten Tag fahren Judith und Uwe weiter nach Norden. Wir besuchen den National Park Los Alerces mit seinen dichten Wäldern und zum Teil noch unberührten Seen und Wildwassern. Die Besonderheiten dieses National Parks sind seine bis zu 5000 Jahre alten Anden-Lärchen und Südbuchen. Zahlreiche Pflanzen die wir nur aus den heimischen Blumentöpfen und Balkonkästen kennen, wie Fuchsien, Orchideen oder Liliengewächse wachsen hier .

 ... Nachtlager im Los Alerces National Park

... Nachtlager im Los Alerces National Park

Es geht weiter, wir wollen Klaus und Claudia besuchen. Die beiden sind mit ihren beiden Töchtern vor vier Jahren in die Nähe von El Bolson ausgewandert. Wir haben vor ein paar Jahren ihr Buch „ Abgefahren- in 16 Jahren um die Welt“ gelesen und auch ihren Diavortrag gesehen. Klaus gibt mir eine Buschmachete in die Hand und los geht’s. Die Pfade sind von Hagebuttenstauden verwachsen, welche vor hunderten von Jahren mit den Einwanderern aus Europa nach Südamerika eingeführt wurden und hier zur Plage geworden sind. Immer wieder schlagen wir uns den Weg frei. Wir suchen die Frischwascherquellen auf seinem Land und finden sie dann auch. Glasklar und herrlich frisch ist das Wasser. Nach einiger Zeit sind wir zurück und mittlerweile sind ein paar Freunde von Klaus und Claudia eingetroffen. Juan der immer wieder zur Gitarre greift und ein paar Songs zum Besten gibt, schwärmt uns von seinen selbstgemachten Empanadas (gefüllte Teigtaschen) vor und lädt uns auch prompt am nächsten Tag zum Mittagstisch zu sich nach Hause ein.

 ...Juan Multitalent, Literatur-Professor, Historiker, Radiosprecher und Empanadas-Koch

...Juan Multitalent, Literatur-Professor, Historiker, Radiosprecher und Empanadas-Koch

Wir nehmen Anna und Mona, die Kinder von Klaus und Claudia mit, die mit Juan`s Tochter Maria Paz befreundet sind. Nicht zu viel hat uns Juan versprochen; seine Empanadas sind wirklich „weltbest“. Juan nimmt sich den ganzen Nachmittag Zeit und zeigt uns und den Kindern was die Natur so alles um El Bolson bietet. Nach einem erlebnisreichen Nachmittag fahren wir wieder zurück.

... Michaela und die Kinder

... Michaela und die Kinder

Vier wunderschöne Tage haben wir bei Klaus und Claudia verbracht. Für die beiden (den vieren) wünschen wir, dass wann immer Südamerikafahrer bei ihnen vorbeikommen es durchwegs nette Leute sind, welche die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der beiden nicht ausnützen bzw. diese zu schätzen wissen. Wir jedenfalls genossen die guten Gespräche mit den beiden und fahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge weiter – um wieder mal die Länder zu wechseln. Wir sind unterwegs nach Chile zur Insel Chiloe. Auf dem Weg dorthin besuchen wir Herbert und Isabel, die wir bereits in Feuerland kennen gelernt und die uns zu sich nach Hause eingeladen haben.

... auf dem Weg nach Chile, am Lago Espejo vorbei

... auf dem Weg nach Chile, am Lago Espejo vorbei

Ca. 80 Kilometer südlich von Osorno liegt das Städtchen Llanquihue am gleichnamigen See.
Ganz in der Nähe wohnen Herbert und Isabel, die hier aufgewachsen ist. Herbert hat sich hier ein Haus gebaut, in traumhafter Lage am Hochufer des Sees mit Blick auf den Vulkan Osorno.

 ... Vollmond am Vulkan Osorno

... Vollmond am Vulkan Osorno

Ach wie klein ist doch die Welt. Ebenfalls zu Besuch bei Herbert und Isabel sind Frank und Petra aus der Eifel. Die beiden sind mit dem Motorrad unterwegs und vor drei Wochen in El Chaiten hatten wir sie schon einmal getroffen. Herbert legt Steaks und Würste zum Grillen auf und wir sitzen noch lange gesellig in dieser wunderschönen Vollmondnacht zusammen.

... Petra, Hund Judith, Herbert und Michaela

... Petra, Hund Judith, Herbert und Michaela

Nach zwei Tagen nehmen wir Abschied und bedanken uns nochmals für die schöne Zeit hier. Sie waren tolle Gastgeber. Danke Isabel und Herbert!!! Heute haben wir den ersten Regentag seit unserer Ankunft in Südamerika vor zwei Monaten. Wir fahren über Puerto Montt nach Pargua, wo wir mit dem Fährschiff zur größten chilenischen Insel, Chiloe übersetzen. Obwohl die Überfahrt nur zwanzig Minuten dauert, ist die Insel nicht zu sehen. Nebel verschlingt das Eiland. Die Sicht ist gleich null und nun setzt auch noch Nieselregen ein. Erst gegen Abend befreit sich die Insel vom Nebelschleier und die Sonne zeigt sich noch mal kurz.

... Ancud, Fischerort auf Chiloe

... Ancud, Fischerort auf Chiloe

Chiloe ist nur 10 Kilometer vom Festland entfernt und ist doch eine andere Welt. Viele Menschen leben hier noch wie vor hundert Jahren. Die Wäsche wird noch mit der Hand gewaschen, ein Holzofen spendet Wärme und ist auch die einzige Kochgelegenheit, jedoch ein Fernsehgerät hat fast in allen Hütten und Häusern Einzug gehalten, welches man an den vielen Satellitenschüsseln erkennen kann. Die kleinen bunten Holzhäuser, die Vegetation (Palmen!), der Geruch von Fisch in den Küstendörfern, all dies könnte auch irgendwo in der Karibik sein.

... mit dem Ochsenkarren schnell mal zum Einkaufen in den Supermarkt

... mit dem Ochsenkarren schnell mal zum Einkaufen in den Supermarkt

Unsere Mission auf der Insel ist es, die Familie zu finden die mich bei meiner Radreise vor
16 Jahren beherbergt und verpflegt hatte. Wir haben weder eine Adresse, noch einen Namen. Alles was wir haben ist das Familienfoto, dass ich damals gemacht hatte.

... Familienfoto von 1991, Patricio und Patrica mit ihren beiden Töchtern und den beiden Nachbarjungs

... Familienfoto von 1991, Patricio und Patrica mit ihren beiden Töchtern und den beiden Nachbarjungs

Und ich wusste noch, dass der Familienvater Polizist war und das Haus auf der linken Inselhälfte an einem Weg der zum Meer führt, zu finden war. Somit haben wir ein Gebiet von 80 Kilometer Länge und 20 Kilometer Breite zu durchkämmen. Es gehen unzählige Wege zum Meer. Wir lassen uns von meinem Bauchgefühl leiten, fahren nicht jeden Weg an. Unzählige Male stellen wir uns Fragen, was wohl aus ihnen geworden ist, leben noch alle oder leben sie vielleicht nicht mehr hier auf der Insel Chiloe. Wir fahren über die Dörfer. Der Duft von Eukalyptus steigt uns in die Nase. Immer wieder zeigen wir Dorfbewohnern das Foto. Die Kinder kleben an unseren Fensterscheiben und ihre neugierigen Augen mustern das Innere unseres VW-Buses. Wir fahren Polizeistationen an. Noch mal ein neuer Weg, noch mal ein neues Dorf, wir sind kurz vorm Aufgeben. Letzte Polizeistation. Michaela kommt von der Polizeistation zurück. Ich schau ihr ins Gesicht. Ein Grinsen bis zu den Ohrwascheln (Ohren). In diesem Moment weiß ich, wir haben sie gefunden. Der diensthabende junge Polizist brach in Gelächter aus als er das Foto sah und wiederholte sich „ das ist Patricio, das ist Patricio“. Nun erinnere auch ich mich wieder an seinen Namen. Der Polizist ruft Patricio zu Hause an und keine fünf Minuten später stehen wir uns wieder gegenüber. Er erinnert sich gleich an mich, als ich ihm ein Foto mit mir und meinem Rad von damals in die Hand drücke. Wir haben uns beide kaum verändert, nur unsere Bäuche sind größer geworden J. Wir umarmen uns herzlich. Er fährt voraus und wir folgen ihm bis kurz außerhalb des Dorfes wo das Haus steht. Nun erkenne ich alles wieder. Hier hat sich nichts verändert.. Ich suche sofort den Platz hinter der Scheune wo mein Zelt stand. Selbst der abgefahrene Traktorreifen liegt noch auf dem gleichen Platz. Nur den Hund, der damals an meiner ganzen Lebensmittelration seine Freude hatte, den gibt es nicht mehr. Dafür aber einen Nachfolger. Urplötzlich kommen aus den Büschen ein Dutzend Ferkel auf uns zu. Zum Glück ist das Gatter dazwischen. Michaela holt gleich altes Brot und füttert die kleinen Schweine.

...Michaela und die Ferkel

...Michaela und die Ferkel

Nun kommt auch Patricia, Patricios Frau mit den Kinder, die sie gerade aus der Schule geholt hat, dazu. Patricio muß leider dienstlich an diesem Nachmittag weg. Wir werden ins Haus eingeladen wo es Limonade und Plätzchen gab. In der Mitte des Zimmers steht ein Holzofen. Dahinter befindet sich ein Karton aus dem immer wieder quietschende Laute zu hören sind. Es sind drei Tage alte Kücken. Patricia holt einen großen selbstgemachten Käseleib, welcher von der Milch der eigenen Kühen stammt und legt ihn auf dem Tisch. Mit einem großen Messer wird dieser von der Oma in mundgroße Stücke geschnitten und auf einen Teller gelegt. So sitzen wir alle zusammen um den Tisch und lassen uns den Käse schmecken, während wir versuchen, uns mit Händen und Füßen und unseren nun schon etwas besseren Spanischkenntnissen zu unterhalten.

... Patrica, die Kinder und die Großeltern

... Patrica, die Kinder und die Großeltern

Die Zweite von rechts im Bild ist Christina. Auf dem Familienfoto von 1991 hält Patricia Christina im Arm (Baby in blauer Strampelhose). Die anderen Kinder waren damals noch nicht geboren.
Hier ist wirklich die Zeit stehen geblieben. Kein Hightech, kein Internet, nichts. Zurück aus der Vergangenheit melden wir uns demnächst wieder.
Grüße Michaela und Raimund

Argentinien – Chile Feuerland – Torres del Paine – Perito Moreno-Gletscher

Samstagvormittag, die vom Wind zerfranste argentinische Flagge flattert am Fahnenmast. Wir sind endlich an der argentinisch-chilenischen Grenze angekommen, kurz vor Feuerland. Auf den ersten Blick auf der Landkarte glaubt man Feuerland ist fest mit „Restargentinien und Chile“ verbunden. Tatsächlich ist Feuerland eine große Insel die von einer Meeresstraße, die sogenannte Magellanstraße, vom Festland getrennt ist. Der östliche Teil der Insel gehört zu Argentinien, der restliche Teil zu Chile. So muss der Reisende – von Argentinien kommend – zuerst ca. 220 Kilometer chilenisches Gebiet durchqueren, einschließlich einer kurzen Fährpassage über die Magellanstraße, bevor er auf dem argentinischen Teil Feuerland´s ankommt.

Wir bilden das Ende der Autoschlange die am Schlagbaum steht. Vor uns ca. 30 PKW´s und einige Lastwägen. In einem Gebäude werden an vier Schalter die Grenzformalitäten bearbeitet und trotzdem dauert das ganze eine Ewigkeit. Dies ist nur die Ausreise aus Argentinien. Nach ein paar hundert Metern Fahrt durchs Niemandsland folgt Teil zwei, die Einreise nach Chile. Auch dies dauert wieder ewig lange. Nachdem unsere Papiere mehrfach abgestempelt wurden, wollen wir losfahren. Ein zotteliger Typ mit Spiegelsonnenbrille kommt auf uns zu und will in den Bus. Michaela öffnet die Tür und versucht sich mit ihm zu verständigen. Ich halte ihn lediglich für einen Störenfried und will ihn gerade rausschmeißen, da klärt Michaela den Irrtum gerade noch rechtzeitig auf und hält mich zurück. Es ist der Grenzbeamte welcher für die Lebensmittelkontrolle zuständig ist. Es ist verboten Obst, Gemüse und Fleisch nach Chile einzuführen. Unsere erst gestern gekauften Tomaten nimmt er dann auch gleich mit. Somit hat er sich wahrscheinlich sein Abendbrot gesichert. Für die gesamte Grenzüberschreitung haben wir 3 ½ Stunden benötigt. Uns graut schon jetzt vor der nächsten Grenzüberschreitung in umgekehrter Reihenfolge, die heute noch am späten Nachmittag erfolgt. Die nächsten 50 Kilometer bis zur Fähre geht es zügig voran. Dann folgen 170 Kilometer ruppige Schotterpiste bis zum nächsten Grenzübergang. Nun Ausreise Chile – Einreise Argentinien. Diesmal benötigen die Grenzbeamten für die Abfertigung nur die Hälfte der Zeit. Unser Tagesziel werden wir durch die lange Dauer der Grenzabfertigung heute nicht mehr erreichen. Und so beschließen wir kurz vor Rio Grande am Strand zu übernachten. Durch die Dünen suchen wir uns eine Zufahrt zum Strand. Kurz nicht aufgepasst und schon ist es passiert. Wir sind von der Piste abgekommen und die Vorderräder des VW-Busses graben sich bis zur Achse im Sand ein. Es wird schon dunkel. Ich überlege, ob es nicht besser wäre den Bus morgen „auszugraben“. Michaela drängt aber es noch heute zu erledigen und so machen wir uns an die Arbeit. Los geht’s. Michaela aufs Dach, Kiste auspacken, Sandbleche runter und Klappspaten im Dauereinsatz. Wir wechseln uns ab. Schaufeln, Sandbleche unterschieben und das ganze wiederholen wir mehrmals bis wir endlich nach gut 1 ½ Stunden wieder festen Boden unter den Rädern haben. Wir sind verschwitzt und müde. Das Abendessen fällt heute aus, aber bei ein kühlen Bier aus dem Kühlschrank lachen wir schon wieder über die „Aktion“. Dies war nach der eintönigen „Pampafahrerei“ in den letzten Tagen wirklich ein abwechslungsreicher Tag.

... Michaela lacht schon wieder

... Michaela lacht schon wieder

Seit gestern sind wir nun auf Feuerland. „ Feuerland – Weite, Einsamkeit, Freiraum für Träume“ steht in einem alten Reiseführer, welchen ich bei meiner ersten Südamerikareise vor fünfzehn Jahren dabei hatte. Das stimmt nur zum Teil, denn in Sachen „Einsamkeit“ hat sich seit damals einiges getan. Wer den kleinen verträumten Fischerort Ushuaia von einst in Erinnerung hat und ihn jetzt wieder sieht, wird erstaunt sein. Zählte der Ort 1975 noch nicht mal 6000 Einwohner leben heute über 60 000 Menschen hier. Und der Zuzug ans Ende der Welt ist noch nicht am stagnieren. In den Vororten werden ständig neue Siedlungen angelegt. Dazu kommen die Massen an Touristen. In den Sommermonaten legen im Hafen von Ushuaia an die 80 Kreuzfahrtschiffe an und bringen 100 000 Touristen, zusätzlich zu den tausenden von Bus- u. Flugreisenden.

 ... Ushuaia, kleines Bild: MS Delphin vor Anker

... Ushuaia, kleines Bild: MS Delphin vor Anker

Auch die MS Delphin, das Schiff auf welchem Michaela zuletzt gearbeitet hatte, kommt von einer Antarktisreise zurück und ankert für zwei Tage in Ushuaia. Schnell arrangiert sie ein Treffen mit einigen ihrer Arbeitskollegen und wir schlemmen mit ihnen in einem fantastischen Asado-Grill-Restaurant. Vom Tisch aus kann man zusehen, wie die ganzen Lämmerhälften schön langsam über dem Feuer gar werden.

... Essen mit Arbeitskollegen von der MS Delphin im Asado-Grill-Restaurant

... Essen mit Arbeitskollegen von der MS Delphin im Asado-Grill-Restaurant

Auch die rießigen Rindersteaks sind nicht zu verachten. Ein Alptraum für jeden Vegetarier oder aber – das Paradies für Fleischesser. Im Allgemeinen lieben und essen die Argentinier für ihr Leben gerne Fleisch. Immer und überall wird gegrillt. Ein Argentinier verzehrt pro Jahr im Schnitt 61 kg Rindfleisch. Im Vergleich dazu kommt der Deutsche gerade mal auf 13 kg. Auch wir sind seit einigen Tagen auf den Geschmack gekommen und grillen immer öfters. Das Kilo Rinderfilet kostet umgerechnet 3 Euro. Soviel zum Fleisch und Argentinien.

 ... das Mülleimer-Foto von Ushuaia

... das Mülleimer-Foto von Ushuaia

Wir verbringen noch ein paar nette Stunden mit Michaelas Kollegen im Park bei Dosenbier und herrlichem Sommerabendwetter, das selbst für diese unwirtliche Region nicht der Norm entspricht. Zwei Tage vor unserer Ankunft hat es hier noch geschneit.

... Puerto Almanza kleines Fischerdorf mit Wellblechhütten am Beagle Canal

... Puerto Almanza kleines Fischerdorf mit Wellblechhütten am Beagle Canal

Von Ushuaia aus besuchen wir die Estancia Haberton und ein kleinen Fischerdorf, namens Puerto Almanza, fahren dann weiter ins Landesinnere auf der Suche nach dem „einsamen Feuerland“. Wir biegen von der Routa National No.3 links ab und folgen einer Schotterpiste für ungefähr 40 Kilometer. Laut Karte sollten wir eigentlich vor dem LagoYehuin stehen. Jedoch weit und breit kein See, auch keine Beschilderung. Wir überlegen, umkehren bringt auch nichts. Wir fahren also weiter und gleich um die nächste Baumecke hat er sich versteckt. Ein wunderbarer See mit glasklarem Wasser. Weit im Westen erkennt man die Gletscher und die verschneiten Gipfel der Darwin Cordillere. Am Ufer steht ein verlassenes und abgebranntes Hotel. Kein Mensch, keine Seele, nichts. Eine etwas gespenstische Atmosphäre umgibt uns. Es herscht Totenstille. In diesem Moment glauben wir die einzigen Menschen auf diesem Planeten zu sein.

... Geisterwald am Lago Yehuin

... Geisterwald am Lago Yehuin

Der Wind hat sich gelegt und nun erwärmen uns sogar ein paar Sonnenstrahlen.
Michaela hört Geräusche, aus der Richtung von der wir gekommen sind. Aber bei so viel Stille kann man ja schon mal fantasieren. Nach einiger Zeit wieder das gleiche Geräusch, nun höre ich es auch. Es ist ein Fahrzeug. Wenige Sekunden später kommt ein Geländewagen auf uns zu. Es sind Joli und Ingo aus Luzern mit ihrem Toyota. Wir kennen uns bereits vom Campingplatz in Ushuaia. Dick eingepackt in Jacken sitzen wir dann abends bei heißem Tee und Kaffee am See zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt, bis uns die Kälte in die Fahrzeuge treibt.

... Joli und Ingo

... Joli und Ingo

Am Morgen trennen uns unsere Wege wieder. Sie bleiben noch einen Tag und wir wollen weiter nach Norden und dann auf den chilenischen Teil Feuerlands. Die Lebensmittel werden noch mal aufgefüllt, denn in Argentinien sind sie wesentlich billiger als in Chile. Da einem Gemüse, Obst und Fleischwaren an der Grenze Argentinien-Chile abgenommen werden, kommen diese nun aus dem Kühlschrank raus und werden für kurze Zeit in unserer Bord-Toilette eingelagert, die wir sowieso zweckentfremdet als Lebensmittellager benutzen. Nun hoffen wir, dass der Lebensmittelkontrolleur einen Blick in den Kühlschrank bevorzugt. Was sich als richtig erweist; nicht nur das, er sieht unsere Toilette und sagt wissend: Ah el bano, muy bien. (Ah eine Toilette, sehr gut!)

...Toilette als Lebensmittellager umfunktioniert.

...Toilette als Lebensmittellager umfunktioniert.

Wieder geht es über Stunden über staubige Schotterpisten. Wir fahren an abgesperrten Mienenfelder vorbei, die noch immer an den „Beihnahe-Krieg von 1978“ erinnern. Auf den Verbotsschilder steht auch in deutscher Sprache“ Betreten verboten“. Damals brach ein Streit um drei winzige bedeutungslose Felsen vor der Küste im Südosten Feuerlands aus. Die Argentinier sowie auch die Chilenen beanspruchten die Eilande für sich. Erst dem Papst gelang es, im Jahre 1985 den Konflikt zwischen den beiden Ländern zu schlichten. Übrigends, beide Staatsoberhäupter waren streng gläubig und gehörten der katholischen Kirche an. Gegen Abend erreichen wir das Meer, wo wir unser Nachtlager einrichten. Da es kaum Bäume gibt, sammle ich Treibholz für unser Lagerfeuer.

... jeder hat seine Aufgaben

... jeder hat seine Aufgaben

Es gibt genug am Strand. In der Zwischenzeit legt Michaela unsere geschmuggelten argentinischen Rindersteaks in Knoblauch ein. Diese schmecken heute natürlich besonders gut. Zwei Fischer, deren Kutter vor Anker liegt, sehen das Feuer und kommen mit ihrem kleinen Ruderboot zum Strand. Es sind zwei junge Indios, welche auf dem Fischkutter arbeiten. Trotz ihres für uns schwierigen Dialektes und unseren spärlichen Spanischkenntnissen kommt eine Unterhaltung zu Stande. Zur Not hilft das Wörterbuch oft weiter. Die beiden Fischer müssen aber morgen früh raus und rudern wieder zurück.

... letzter Abend auf Feuerland

... letzter Abend auf Feuerland

Wir nehmen Abschied von Feuerland. Von Porvenir aus bringt uns ein kleines Fährschiff in 2 ½ Stunden über die Magellanstraße. Ein letztes Mal blicken wir nach Feuerland zurück Bei unserer Ankunft in Punta Arenas hängen tiefe Wolken über der Stadt. Diese Stadt nennt sich auch „das Tor zur Antarktis“. Von hier aus fahren in den Süd-Sommermonaten Kreuzfahrtschiffe zum 6. Kontinent. Punta Arenas ist nicht gerade ein Schmuckstück. Auf uns jedenfalls macht diese 120 000 Einwohner Stadt keinen besonderen Eindruck.

 ... unterwegs getroffen, Rudi und Cheltia mit ihrer Bayernfahne, beide bekennende Bayernfans

... unterwegs getroffen, Rudi und Cheltia mit ihrer Bayernfahne, beide bekennende Bayernfans

Unser Weg führt uns weiter in Richtung Norden über Puerto Natales zum Torres del Paine-Nationalpark. Unterwegs besuchen wir noch eine kleine Kolonie von Magellan-Pinguinen, die den selben Namen tragen wie die Meeresstraße an der sie leben. Wenn es hier Winter wird flüchten die Pinguine nach Brasilien.

 ... Magellan-Pinguiene

... Magellan-Pinguiene

Auch wir flüchten weiter nach Norden mit der Hoffnung, dass es endlich wärmer wird und aus dem Sturm wenigstens ein gemäßigter Wind wird. Bei Cerro Castillo sehen wir auf einer Estancia den Gauchos – so nennen sich die Cowboys Südamerikas – bei ihrer Arbeit zu. Heute werden die Kälber gebrandmarkt.

... Kälber werden gebrandmarkt

... Kälber werden gebrandmarkt

Sie werden mit Lassos eingefangen und von zwei Gauchos festgehalten. Dann wird den Kälbern ein rotglühendes Brandeisen mit dem Zeichen der Estancia in die Flanke gedrückt. Nichts für schwache Nerven; die Gauchos gehen mit den Jungtieren nicht gerade zimperlich um.

...Gaucho bei der Arbeit

...Gaucho bei der Arbeit

Wir wären gerne noch geblieben doch der Wind treibt uns ständig Staub in die Augen. Er wird zum Orkan. Die Wagentür lässt sich kaum noch öffnen. Ohne Übertreibung !!! Erst im Wagen sind wir in Sicherheit. Wer jetzt noch mal zum Pinkeln raus muss hat verloren. Der Wind kommt aus allen Richtungen. Erst gegen Abend und im Torres del Paine – Nationalpark angekommen, lässt er etwas nach.

...Blasen-Flechte, Kunstwerk der Natur

...Blasen-Flechte, Kunstwerk der Natur

Schon bei der Zufahrt zum Nationalpark dürfen wir die Vielfalt der Tierwelt bestaunen. Guanakos-Herden und Nandus, die südamerikanische Straußenart, grasen unbeeindruckt von den vorbeifahrenden Pkw`s neben der Straße. Drei Condore kreisen am Himmel und eine kleine Gruppe von Flamingos stolzieren am Seeufer entlang. Auch Pumas sollen hier leben, einen zu Gesicht zu bekommen ist eher unwahrscheinlich. Zum Übernachten sind mehrer Plätze im Nationalpark ausgewiesen. Von unserem Standplatz aus haben wir eine tolle Aussicht auf den Cuernos del Paine, den gewaltigen Gebirgsstock und das Herz des Nationalparks.

 ...die ersten Sonnenstrahlen auf den Cuernos del Paine

...die ersten Sonnenstrahlen auf den Cuernos del Paine

Am Abend ist es recht kühl und uns vergeht die Lust unter freiem Himmel zu kochen. So gibt es wieder mal kalte Küche. Wir verkriechen uns in unsere warmen Betten und träumen von einem besseren Wanderwetter für Morgen.
Eine Wetterbesserung ist nicht eingetreten und ist auch nicht in Sicht. Kälte, Wind und Regen wechseln sich ab. Am dritten Tag geben wir dann auf und fahren weiter nach Argentinien.

... unterwegs im Torres del Paine-Nationalpark

... unterwegs im Torres del Paine-Nationalpark

Es geht auf die Cuarenta ( Routa National No. 40) nordwärts durch das patagonische Tafelland bis El Calafate. Dann die Stichstraße zum Perito Moreno-Gletscher. Das Patagonische Innlandeisfeld mit seinen abfließenden Gletschern ist das größte Eisfeld der Welt, wenn man mal von den beiden polaren Eisregionen und Grönland absieht. In unmittelbarer Nähe des Perito Moreno-Gletscher beobachten wir wie haushohe Eisbrocken von der Gletscherkante abbrechen und unter lautem Getöse in den Lago Argentino stürzen. Ein wirklich gigantisches Naturschauspiel das uns die patagonische Naturbühne hier vorführt.

... Perito Moreno-Gletscher

... Perito Moreno-Gletscher

Hier treffen wir wieder Petra und Richhard aus Schrobenhausen die 3 Monate mit ihrem VW-Bus unterwegs sind. Kennengelernt haben wir uns bereits im Torres del Paine-Nationalpark.
Gemeinsam fahren wir zum Lago Roca wo wir ein paar Tage zusammen verbringen. Der tägliche Höhepunkt ist immer das abendliche Grillen am Lagerfeuer bei eisiger Kälte. Durchhalten ist angesagt. Später Wärmeflaschen und Standheizung.

Nachts hören wir ein Donnern aus der Ferne und wissen es ist kein Gewitter, sondern nur wieder ein weiterer Eisblock der sich von der Gletscherkante abgelöst hat und in den Lago Argentino stürzt. Dann schlüpfen wir noch tiefer unter die wärmende Bettdecke.
Nun soviel für dieses Mal.
Michaela und Raimund